Spirit Voyage

Der Lehrer meines Lehrers

1888734_624306860985840_533010113_nVon Shanti Kaur aus Espanola, New Mexico, USA: Yogi Bhajan sprach immer wieder von seinen vielen spirituellen Führern. Allerdings gab es nur einen Mann, den er seinen Lehrer nannte. Das war Sant Hazara Singh aus Gujaranwala (ein Gebiet, das einmal zu Nordindien gehörte und heute in Pakistan liegt). Nichts und niemand konnte Yogijis Gesichtsausdruck so dramatisch verändern wie die Erinnerung an   “Santji.”  Seine Gesichtszüge wurden weich, sein Blick richtete sich nach innen, zurück in eine ferne Vergangenheit. Der Trennungsschmerz war spürbar präsent wie eine frische Wunde.  Wenn er von seinem spirituellen Lehrer sprach, dann wusstest du, das war eine tiefgründige Angelegenheit. 

Geschichten von Sant Hazara Singh

Vor einer Weile begann ich diese Geschichten zusammen zu stellen, nicht nur, weil sie mir einen weiteren Zugang zu meinem eigenen Lehrer geben, sondern weil sie mir verstehen helfen, dass ich tatsächlich Teil einer immer währenden goldenen Kette bin. In Wahrheit ist Sant Hazara Singh auch mein Lehrer. Alles begann, als Yogi Bhajan noch sehr jung war und Harbhajan Singh genannt wurde. Aus seiner Erinnerung: „Ich wurde in eine reiche Familie hineingeboren. Ich spielte mit Edelsteinen und hatte schon als Kind Autorität. Ich war der ältere Sohn einer einflussreichen Familie, etwa so wie ein Prinz. Daher hatte ich alle Möglichkeiten der Welt, mich wie ein kompletter Idiot zu benehmen. Es umgaben mich jede Menge Diener. Mein Wort war ihnen Gesetz. Ich konnte tun, was immer ich wollte, so wie jedes reiches, verzogenes Kind.  Aber ich hatte Glück. Ich hatte einen sehr ehrwürdigen Großvater, eine gottesfürchtige Familie und eine gesegnete Disposition. Ich begegnete einigen verehrungswürdigen Männern, die zu uns nach Hause kamen und ich wählte unter ihnen einen sehr heiligen Lehrer aus. Dass er mich als Schüler akzeptierte, das war eine große Freude für meine Familie. Sein Einfluss auf mich ist so tief, ich liebe ihn bis heute. Ich kann noch immer nicht das Gesicht meines Großvaters oder meines Lehrers erkennen. Ich habe ihnen niemals ins Gesicht geschaut. Ich erinnere mich an ihre Füße. Ich kann sie heute noch aufmalen. Das ist das Bewusstsein, das dahinter stand.“  – Yogi Bhajan

sant-hazara-singh-300pxHarbhajan trifft seinen Lehrer    Harbhajan war gerade einmal acht Jahre alt, als er Sant Hazara Singh das erste Mal traf. Sant Hazara Singh war ein bekannter Mystiker und Yogi seiner Zeit, außerdem war er ein berühmter Reiter und Gatkameister (Gatka ist die klassische Kampftechnik der Sikhs). Harbhajan fühlte sich sehr zu Sant Hazara Singh hingezogen. Er bat seine Eltern, bei ihm lernen zu dürfen. Harbhajans Großvater Bhai Fateh Singh fragte bei Sant Hazara Singh an. Die Familie freute sich sehr, als ihr mitgeteilt wurde, dass Santji den kleinen Harbhajan als seinen Schüler akzeptierte.  Der spätere Yogi Bhajan packte alle seine kostbaren Kleider ein und ging mit seiner Mutter und einigen Bediensteten zu Sant Hazara Singh’s Ashram. Als Santji den kleinen Harbhajan Singh mit all seinem Pomp ankommen sah, schickte er ihn postwendend wieder nach Hause. Er sagte ihm, dass Harbhajan ohne seine Eskorte zurückkehren sollte. Er sollte nur das mitbringen, was er alleine tragen konnte. Außerdem sollte er bei seiner Rückkehr nicht im Hauptashram wohnen, sondern in einer Außenstelle des Ashrams.  Harbhajan lebte dort für einige Jahre und studierte eifrig die Kunst des Gatka.  Sant Hazara Singh war Meister dieses Schwertkampfes. Er leitete das Training aller Schüler. Er war ein strenger und präziser Lehrer und ließ keine Fehler durchgehen.

„Als ich Gatka lernte, da hatten wir eine Turnieranlage. Dort praktizierten wir. Mein Lehrer gab die Anweisung, dass ich kämpfen sollte. Ich dachte, dass ich nur ein oder höchstens zwei Sparringpartner hätte. Ungewöhnlich war, dass ich ohne Schild, nur mit Schwert kämpfen sollte. Zu meinem großen Erstaunen hatte ich nicht zwei, sondern sechs Gegner, die mit langen Speeren bewaffnet waren. Gegen diese Speere ist es sehr schwer zu kämpfen.  „Augenblick mal!“, schrie ich. „Das ist nicht fair!“. Daraufhin schickte mein Lehrer zwei weitere Jungs auf das Feld. Nun stand ich acht Kämpfern gegenüber. Sie begannen mich einzukreisen. Mein Lehrer gab mir Ratschläge. Er sagte: „Während eines jeden Kampfes gibt es drei Möglichkeiten. Du kannst dich verbeugen und fortgehen. Du kannst fair und zurückhaltend kämpfen. Oder du kannst erbittert bis zum Sieg kämpfen. Wenn du zurückhaltend kämpfst, dann können deine Gegner nicht aggressiv werden. Sie werden nur auf Zeichen und Signale achten, so ist das nun mal.“ Ich dachte bei mir: ‚Ich habe nicht um diese Situation gebeten. Ich bin ahnungslos und hätte niemals damit gerechnet, heute auf diese Jungs zu treffen. Doch jetzt bin ich hier und werde sie nicht enttäuschen.’  Tief in meinem Inneren verhandelte ich mit dem Guru. Ich sagte: „Du weißt, wie niederträchtig ich bin, aber lieber Gott, du musst mir jetzt beistehen, sonst schaffe ich es nicht!“ Ob ihr es glaubt oder nicht, nach einer halben Stunde lagen acht Speerköpfe auf dem Boden. Ich habe niemandem auch nur ein Härchen gekrümmt. Meine Gegner waren sich dessen wohl bewusst. Sie ahnten, dass sie ihre Hände verloren hätten, wenn ich mich hätte gehen lassen.  Als wir alle am Abend zusammensaßen fragten mich die Jungs: „Bhajan, warum hast uns nicht verletzt?“ Ich antwortete: „Es war der Guru, der kämpfte und nicht ich. Ich fühlte keinen Wunsch nach Vergeltung in mir, obwohl ihr mich ziemlich fies von links und rechts angegriffen habt.“ Wir freuten uns, wir aßen und scherzten  miteinander.“  – Yogi Bhajan

Ein strenger Lehrer:  Als der junge Harbhajan Singh loszog, um direkt bei Sant Hazara Singh zu studieren, veränderten sich sein Leben und seine Persönlichkeit ziemlich drastisch. Viel Zeit wurde damit verbracht Kundalini Yoga zu lernen. Die Schüler praktizierten Asanas und Kriyas solange, bis sie die Übungen nicht nur beherrschten, sondern auch wirklich verstanden. „Mein Lehrer war so streng, ich würde ihn nicht mal meinem Feind an den Hals wünschen! Aber das Schöne war: Gerade weil er so streng war, wurde unter seiner Leitung das Unmögliche möglich. Eines Tages mussten wir sitzen und unsere Arme gerade ausstrecken. Wir verstanden, dass diese Haltung die Wirbelsäule in die richtige Position brachte. Die Sushumna (Zentralnadi oder zentraler Nervenkanal entlang der Wirbelsäule) fließt in Richtung des Gehirns.  Wir machten das für zweieinhalb Stunden ohne die Arme zu senken – wir brauchten dann 5 Stunden, um unsere Hände wieder bewegen zu können.“ ~Yogi Bhajan

Sant Hazara Singh war rigoros und verlangte totale Disziplin. Diese Disziplin war der Schlüssel zur der Stärke, die er in seinen Schülern ausbildete. Als Harbhajan Singh mit seiner Ausbildung begann, war einer von 250 Schülern. Am Ende der Ausbildung blieben nur 15 Schüler übrig. 

Drei Tage auf dem Baum:„Ich ging durch eine ziemlich taffe Lehre! Einmal wanderte ich mit meinem Lehrer in die Stadt. Ich besuchte die Stadt recht selten und war ziemlich aufgeregt! Ich hatte extra meine westliche Hose und mein Hemd angezogen. Ich dachte, dass ich doch ziemlich fashionable aussah. Als wir unser Ziel fast erreicht hatten, zeigte mein Lehrer auf einen Baum und bat mich, dort hinaufzusteigen. Ich kletterte auf den Baum. Er sagte: „Bleib da oben sitzen, bis ich wiederkomme. Und steige auf keinen Fall hinunter!“ Er ließ mich samt westlichen Anzug drei Tage auf diesem Baum sitzen. Ich wusste nicht, wie ich mich erleichtern, schlafen oder essen konnte. Oder was ich überhaupt tun sollte. Drei Tage lang saß ich auf dem Baum fest. Ich wusste nicht, was passieren würde. Irgendwie überlebte ich. Zu meiner großen Erleichterung sah ich endlich, dass sich eine vertraute Gestalt näherte. Ich kletterte den Baum hinunter. Mein Lehrer sagte: „Oh, du bist es. Lass uns gehen. Wir wollen uns beeilen. Du bist ein bisschen langsam.“ Ich dachte im Stillen: ‚Sicher! Sitze du mal im Baum für drei Tage…“   

Aber ich sagte nichts. Einmal ging ich mitten in der Nacht zu meinem Lehrer. Er sagte: „Aha, ich hoffte, dass du kommen würdest.“ Das gab mir ein gutes Gefühl. Ich sagte: „Sir, was kann ich für Sie tun?“ Er sagte: „Ich möchte Joghurt.“ Das war allerdings ein Problem. In Indien gab es damals nur hausgemachten Joghurt. Um ein Uhr morgens gab es noch keinen Joghurt. Hätte er mich um fünf oder sechs Uhr morgens gefragt, hätte ich ihm eine Wagenladung voll Joghurt liefern können. Aber die Menschen brachten die Joghurtkulturen um acht oder neun Uhr abends in die Milch ein. Der Joghurt war um ein Uhr nachts noch nicht fertig. Ich fragte ihn: „Wie viel benötigen Sie?“ Er antwortete: „So viel du bringen kannst.“

Ich setzte mich für ein Moment hin. Ich dachte nach. Ich wusste genau, dass es dieser Mann nicht vergessen hatte, dass es um diese nachtschlafende Zeit keinen Joghurt gab. Aber ich sagte weder Nein, noch dachte ich mir eine Entschuldigung aus. Ich antwortete: „Sehr wohl, Sir. Danke, Sir.“ Ich ging. Um 5:30 Uhr kehrte ich wieder. Ich offerierte ihm so viel Joghurt, wie er wollte. Er sagte kein Wort. Ich sagte kein Wort. Ich wusste, dass er mich mit dieser Aufgabe  testen wollte. Er hatte mich gebeten zu gehen und Joghurt zu besorgen, hatte mir aber keineswegs den Auftrag erteilt, sofort zurückzukehren. Das machen Lehrer. Sie prüfen deine Intelligenz, deine Fähigkeiten und kreieren Gerissenheit. Langweiliges wird niemals etwas durchdringen. Langweilige Menschen werden nie wahrhaftig leben. Ein Lehrer wird dich schlau machen.“   – Yogi Bhajan

Lehrjahre und Meisterjahre: Nach vielen Lehrjahren kam der Tag, als der Lehrling sehr plötzlich zum Meister  wurde: „Als ich sechzehneinhalb Jahre alt war, bat mein alter Lehrer mich zu sich. Er sprach: „Bhajan, du bist perfekt.“ Ich antwortete: „Nein, Sir. Nur Gott ist perfekt. Gott richtet alles.“  Wir diskutierten zwei Stunden lang. Dann sagte er: „Ich habe das Gefühl, als müsste ich mich vor dir verbeugen.“ Ich entgegnete: „Nein, Sir. Ich verbeuge mich mehrmals täglich. Wenn Sie sich vor mir verbeugen würden, dann würde mich das nur lehren, wie man sich richtig verbeugt.“   Er konnte mich nicht knacken. Da lachte er. Er fragte: „Hast du denn gar keine Gefühle?“ Ich erwiderte: „Ich habe nur dieses eine Gefühl, dass ich durch Sie gelernt habe. Sie haben mir die Erfahrung ermöglicht. Jetzt verstehe ich.“ Er warf ein: „Ganz recht. Erkläre mir das Gefühl.“   „Sir, die Erfahrung des Gefühls ist, als ob jemand sein Leben lang blind ist. Eines Tages kann er wieder sehen und schaut die Schönheit dieser Welt. Wie kann ich es noch erklären?“ Er fragte:  „Okay, was sagt diese Person?“ Ich schloss meine Augen: „ Wha! Ich habe die Unendlichkeit geschaut.“ „Bhajan,“ sagte er, „bist du gar nicht glücklich?“ Ich antwortete: „Ich bin nicht unglücklich. Aber ich bin auch nicht glücklich, denn die harte Arbeit beginnt jetzt.“ Als ich aus dem Zimmer meines Lehrers kam, fragten mich alle: „Was hat er gesagt?“ Ich berichtete ihnen: „Du bist ein Meister.“ Sie waren überrascht. Sie riefen aus: „Bist du wirklich einer?“ Dann akzeptierte es aber jeder. Es brauchte keine Minute. Niemand prüfte mich.  Niemand kontrollierte das. Er sagte es einfach, ich gab meine Erklärungen, fertig.  So funktionierte es. Ich musste nichts beweisen.“  – Yogi Bhajan

Eine letzte Lektion:   Die letzte Lektion, die Sant Hazara Singh seinem Schüler Harbhajan erteilte, war sehr viel schmerzhafter als seine erste Lehrstunde.  1946 hatte sich ganz Indien gegen die englischen Besatzer erhoben. Veränderungen würden unausweichlich kommen. So rief Sant Hazara Singh seine Schüler zu sich.  Er verkündete, dass sie alle eine Periode der Hölle auf Erden erleben würden, eine Zeit voller Gefahren. Eine Zeit des Krieges. „Meine Zeit als euer Lehrer ist zu Ende. Da, wo ich jetzt hingehen muss, könnt ihr mir nicht folgen. Euer letzter Auftrag ist, dass ihr mich verlasst. Wir werden uns niemals wieder von Angesicht zu Angesicht begegnen.”  Harbhajan war vollkommen schockiert. Aber er folgte dieser Anweisung, so wie er alle Weisungen seines Lehrers ausführte: Mit allergrößtem Gehorsam.  

Sant Hazara Singh verbrachte die nächsten Jahre als Freiheitskämpfer: Während der indischen Unabhängigkeitskämpfe bewegte er sich im Untergrund und lebte in Verstecken. Nach der Teilung Indiens heiratete er. Er lebte mit seiner Familie von nun an friedlich in einem Dorf namens Doraha. Yogiji verfolgte die Spur von Sant Hazara Singh. Er wusste, wo sein Lehrer war und was er tat.  Er gehorchte aber der letzten Order seines Lehrers. Der Trennungsschmerz war sehr stark.  Eines Tages besuchte er Santji’s Dorf. Yogiji ließ seinem Lehrer ausrichten, dass er in der Gegend sei.  Santjis Botschaft war: „Ich weiß, dass er da ist. Sagt ihm, dass er fortgehen soll.”                                             

 „Mein Lehrer holte weder den Mann, noch den frommen Mann oder den großartigen Mann aus mir heraus, sondern er brachte ein wirklich menschliches Wesen hervor. Es gibt nichts auf dieser Welt, womit ich das zurückgeben kann, keine Komplimente oder Dankesworte. Er leistete die wunderbarste Arbeit. Er nannte mich meistens einen Bekloppten. Er knackte mich, so dass ich der Beste wurde. Deshalb sage ich heutzutage, dass ich das Unheil frühstücke, zum Mittag ein paar Tragödien zu mir nehme und Heimtücke als Abendessen verspeise. Wenn du diese drei Dinge essen und verdauen kannst, dann bist du die beste Person. Das schenkte mir mein Lehrer.“ – Yogi Bhajan

hsybkyUnd das hat Yogi Bhajan an uns weitergegeben.

Filmtipp:  Der atmende Gott. Dieser Film beschäftigt sich mit der Geschichte des modernen Yogas. Man kann aber auch gut beobachten, wie Yogameister “früher” unterrichteten!

 

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