Spirit Voyage

Schweigen, Stille, Meditation

Vor einigen Monaten war ich in der Schaubühne in Berlin und habe mir „Hamlet“ mit Lars Eidinger in der Hauptrolle angeschaut. Lars Eidinger ist einer der größten Schauspieler seiner Generation und es war ein Fest, ihn in der körperlich sehr fordernden Inszenierung zu bewundern. Seine Bühnenpräzens war einzigartig, und ich hielt es phasenweise für Magie wie er sich von einer Gefühlswoge zur nächsten schütteln lies, ohne auch nur für eine Sekunde den Faden zu verlieren. War er ganz und gar bei sich oder war er tatsächlich Hamlet, der unglückliche Dänenprinz? Am Ende des Königsdramas ist der halbe Hofstaat tot, die Bühne zerlegt und von Schlamm überzogen – da spricht Hamlet dem Publikum zugewandt seinen letzten Satz: „Und der Rest ist Schweigen.“

Oh wie hätte ich mir nach dem Schlusssatz nur einige Sekunden vollkommene Stille gewünscht! Um diesen großartigen Augenblick auszukosten. Das Publikum aber tobte sofort los. Lars Eidinger, so las ich später in einem Interview, hält eben diesen Augenblick für eine große Herausforderung, weil der Applaus ihn herausreißt. (Ich erfuhr auch, dass er gern eine weiche blaue Mütze aus Kaschmir trägt, genau wie ich. Aber ich schweife vor lauter Anbetung ab – ja ich bin ein Fan! – und kehre zurück zu meinem Faden.) Schweigen und Stille sind schwer herzustellen und noch schwerer ist es, diese Zustände aus-zu-halten. Doch trägt das Schweigen eine große Kraft in sich. Schweigen kann uns helfen herauszufinden: Wer bin ich? Was möchte ich wirklich? Beim Schweigen können wir in Kontakt mit uns Selbst kommen. Sein oder nicht Sein – das ist hier die Frage!

Vergangenen Sonntag beschloss ich spontan, von 13 Uhr bis 20 Uhr zu Schweigen. Ich war müde, überspannt und wusste nichts mit mir anzufangen. Ablenkung wollte ich nicht. Ich suchte MICH. Ich hatte acht Wochen lang pausenlos kreativ gearbeitet und war nicht zum ersten Mal über meine Grenze gegangen: „Supersize“-Mum mit vier Projekten am Start, zwei Kindern, einem Hund und dem Haushalt. Und da saß ich nun erschöpft am Küchentisch und hatte zwei freie Tage. Purer Luxus für eine Mutter. Also Schweigen. Sofort nach meinem Entschluss stellte sich eine wohlige Entspannung ein. Ich schrieb rasch einige sms, um mich bei Familie und Freunden abzumelden. Allein dabei fiel mir auf, wie ungewöhnlich es in unserem Kulturkreis ist, mal für einige Stunden den Mund zu halten. Meine Schwester schrieb trocken zurück: Mich wundert nischt mehr! (Sie ist Berlinerin, die müssen was aushalten) Meine Tochter meldete: Alles klar, Mama! Gibt es trotzdem Essen? Einzig mein Hund lies sich nichts anmerken, sie folgt mir auch ohne Worte, Hunde lesen Körpersprache.

Um 20 Uhr brach ich mein Schweigen, weil ich versprochen hatte, mir die Sorgen eines Freundes anzuhören. Seine Stimme klang lauter als gewohnt; mein Rat fiel kurz aber präzise aus. Ich sehnte mich weiter nach Stille und hängte gleich den Sonntag dran. Ich saß am Fenster und bewunderte das Erblühen eines Magnolienbaumes. Am Nachmittag überfiel mich eine bleierne Müdigkeit und ich kippte für eine Stunde in einen erholsamen Schlaf. Erfrischt wachte ich auf, etwas hatte sich verändert. Eine innere Anspannung hatte sich gelöst. Ich beschloss, eine sanfte Yogapraxis zu beginnen. Mein Atem führte mich durch die Praxis, ich floss gut gestimmt dahin. In der liegenden Entspannung spürte ich mein Lächeln, ich war wieder bei mir. Sein oder nicht Sein. Und der Rest ist Schweigen.

Stefanie Alma Wilke ist am Meer aufgewachsen und arbeitet seit über 20 Jahren als Journalistin in Hamburg. Sie schrieb für Kultmagazine wie Allegra, Jetzt, Max und die deutsche Vanity Fair, die es heute allesamt nicht mehr gibt. Auch deshalb kümmerte sich die Autorin irgendwann um ihr seelisches Wohlbefinden und kam so, vor 11 Jahren, ins erste Bikram Yoga Studio in Deutschland. Kurze Zeit später begleitete sie Bikram Choudhury auf einer Reise nach Indien für eine Reportage, wahrhaft unvergessliche Wochen. Der Yoga ließ sie nicht mehr los und seither pilgert sie neugierig durch unterschiedliche Schulen. Im Jahr 2011 absolvierte sie ein Teacher Training bei Power Yoga Germany. Derzeit schwört Stefanie auf Yin Yoga und wird im Juli bei dem Gründer Paul Grilley lernen.

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