Spirit Voyage

Der atmende Gott – Eine Yoga-Filmkritik

Der Meister hängt wie eine alte Fledermaus in einer Art Sack kopfunter von der Decke seiner Yogaschule in Pune, Indien. B.K.S. Iyengar gilt als der berühmteste Yogalehrer unserer Zeit. Er wird dem Kinopublikum später erzählen, dass Yoga in Indien des frühen zwanzigsten Jahrhunderts nur etwas für „Bescheuerte und Verklemmte war“. Er wird auch sehr eindringlich berichten, wie ihn als Junge sein Lehrer Krishnamacharya zwang, in den Spagat zu gehen. Wir erfahren, wie sich Iyengar seine Meisterschaft selbst aneignete: durch das akribische Selbststudium. Iyengar, 93, wirkt in dem Film zugleich gütig, humorvoll und streng und Regisseur Jan Schmidt-Garre hat mit seiner Arbeit ein Zeitdokument mit dem Prädikat „besonders wertvoll“ geschaffen und einen Schatz gehoben.

Auch weil er selbst den Yoga erforscht, mit seinen Mitteln als Regisseur und als Schüler. Geradezu anrührend, wie der 49-jährige Münchner unter der Anleitung des ehrwürdigen Pattabhi Jois (Jois gründete 1948 in Mysore das Ashtanga Yoga Research Institute und verstarb 2009 während der Dreharbeiten) hoch konzentriert einen Sonnengruß praktiziert. Mit diesem genialen Kniff holt der Regisseur sein Publikum mit auf die Matte und mit auf seine Reise – Anfänger und erfahrene Yogis. Fünf Jahre lang hat der studierte Philosoph an dem ausschließlich in Indien produzierten Projekt gearbeitet und jede der 108 Filmminuten sind ein simpler Genuss.

Jan Schmidt-Garres Ausflüge zu den Söhnen und Töchtern des Urvater des modernen Yoga Sri T. Krishnamacharya (1890-1989) sind filmisch einfach umgesetzt, aber hochspannend. Vollkommen unverstellt tauchen wir ein in die Kultur indischer Yogis, die 1934 als Kinder vor dem Maharadscha von Mysore ihre Künste vorführten. Ein Herrscher, der sich als Förderer des Yoga erwies und selbst unter der Anleitung von T. Krishnamacharya praktizierte.

Der sich wiederholende Kameraschwenk in die Wipfel eines mächtigen Baumes hat mir besonders gefallen – „The Tree of Yoga“, ein wunderbares Buch von Iyengar, eines von 25 Büchern des Meisters. Der uralte Baum mit seinen Verzweigungen: Zeuge und Symbol des Yoga, der sich in munterem Tempo weiter entwickelt. Heute gibt es zahllose Methoden, den Yoga zu unterrichten und weltweit sprießen immer neue Triebe aus. Gut so. Schaut euch diesen Film an, um die alten Zweige zu studieren – die Wurzeln ragen tief und verborgen in die Erde.

Jan Schmidt-Garre hat „Der atmende Gott“ seinem Lehrer Patrick Broom gewidmet, ein international geachteter Lehrer der Jivamukti-Tradition. Auf die Frage, was Schmidt-Garre zu dem Film und zur Yogapraxis inspirierte, sagte er: „Ich spürte beim Yoga eine Verbindung von Geist und Körper auf eine Weise, wie ich es davor nicht kannte. Diese Erfahrung ist unwiderstehlich. Und meinerAnsicht nach läuft das vor allem über den Atem. Der Atem verbindet den Geist mit dem Körper. Und es passiert eine Vergeistigung des Körpers undeine Verfleischlichung des Geistes. Eine Inkarnation. Ich muss dazu sagen, dass ich das Glück hatte, einen Lehrer zu haben, Patrick Broome, der mich so unterrichtete, dass ich das von Anfang an spüren konnte. Man kann Yoga auch als reine Fitness-Routine betreiben. Dann bekommt man von solchen Dimensionen nichts mit. Mich hätte das dann nicht weiter interessiert.“

Stefanie Alma Wilke ist am Meer aufgewachsen und arbeitet seit über 20 Jahren als Journalistin in Hamburg. Sie schrieb für Kultmagazine wie Allegra, Jetzt, Max und die deutsche Vanity Fair, die es heute allesamt nicht mehr gibt. Auch deshalb kümmerte sich die Autorin irgendwann um ihr seelisches Wohlbefinden und kam so, vor 11 Jahren, ins erste Bikram Yoga Studio in Deutschland. Kurze Zeit später begleitete sie Bikram Choudhury auf einer Reise nach Indien für eine Reportage, wahrhaft unvergessliche Wochen. Der Yoga ließ sie nicht mehr los und seither pilgert sie neugierig durch unterschiedliche Schulen. Im Jahr 2011 absolvierte sie ein Teacher Training bei Power Yoga Germany. Derzeit schwört Stefanie auf Yin Yoga und wird im Juli bei dem Gründer Paul Grilley lernen.

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